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am 13. Mai

Wie es zum Kahlschlag in der Spitalgasse kam

Christa Schmid - Zwei Gutachten: Das eine stellte fest, dass die denkmalgeschützte Mauer umzufallen droht; das andere, dass beim Abbruch der Mauer auch die Bäume Schaden erleiden können. Für die Schatten spendenden Bäume hat im Verfahren niemand Partei ergriffen.

Zugegeben, es war eine schwierige Herausforderung – die nach unserer Einschätzung einer vernetzten Planung und eines klaren, transparenten Dialoges aller Beteiligten bedurft hätte. 

Aufgabe der Politik ist nicht nur die richtigen Entscheidungen zu treffen, sondern auch die richtigen Fragen zu stellen. Wir kümmern uns nun darum, dass dies jetzt nachgeholt wird und bemühen uns, dass für die Zukunft die Weichen richtig gestellt werden.

 

Wie das Dilemma begann:

Die Grundsteinlegung einer Summe an einseitigen Einschätzungen und Missverständnissen erfolgte schon 2019. Nach lobenswerten Versuchen des AKH, 2002 und 2006 die denkmalgeschützte Mauer entlang der Spitalgasse zu sanieren, wurde im Juli 2019 durch ein statisches Gutachten festgestellt, dass die Mauer nicht mehr standsicher ist und abgetragen werden muss.

Als Ursachen werden zu geringe Abmessungen der Einzelfundamente sowie Aufschüttungen an der Innenseite der Mauer angeführt. Zusätzlich wird darin angemerkt, dass stellenweise auch Baumwurzeln, die zu nahe an der Mauer stehen, Druck auf die Fundamente ausüben dürften (ein Nachweis fehlt).

 Schon im August 2019 wird ein Baumgutachten über die Erhaltungswürdigkeit des Baumbestandes entlang der AKH-Mauer erstellt. In dem wird festgestellt, dass bei Abbruch der bestehenden Mauer auch die Standsicherheit der Baumreihen gefährdet sein würde, weil die Entwicklung der Hauptwurzeln durch die Mauerfundamente eingeschränkt war und diese eine statische Einheit bilden dürften. 

Zudem wurde festgestellt, dass die Hauptwurzeln einzelner Bäume bereits miteinander verwachsen waren – also auch davon auszugehen ist, dass hier eine gegenseitige statische Einheit gegeben sein dürfte und somit von einem Erhalt einzelner Bäume abgeraten wird. Es wird klar festgestellt, dass das Bauvorhaben eine schwerwiegende Schädigung der Bäume bewirken wird. Eine Beteiligung der Baumwurzeln an den Mauerschäden wurde darin jedoch explizit nicht nachgewiesen.

 

Die Chronik der Versäumnisse oder Tunnelblick statt vernetztem Denken
Je mehr man den Hintergründen auf den Zahn fühlt, umso mehr wird eine unglückselige Kette an Versäumnissen, Systemmängeln, einseitiger Betrachtungsweisen und Mangel an vernetztem Denken und Handeln sichtbar:​

  • die MA42 ist nicht zuständig für den Baumbestand, weil das Grundstück im Eigentum der Stadt Wien vom AKH (VAMED) verwaltet wird und als somit „privat“ einzustufen ist.
  • die Baubehörde (MA37BB) erachtet in der Folge das Baumfällungsverfahren als unabhängig vom Bauverfahren. Damit ergeht auch an die Magistratsabteilung 19 (Stadtgestaltung) und das Bundesdenkmalamt nur die Frage nach einer Beurteilung des neuen Mauerprojektes. Das Fällungsvorhaben für den gesamten Baumbestand wird dabei nicht weiter erwähnt. Im Gutachten der MA19 wird noch Bezug genommen auf die stadtbildprägende Wirkung „im Ensemble mit dem Grünraum“.
  • die Bezirksvorstehung ist bei der Bauverhandlung im Februar 2020 nicht vertreten und gibt keine dokumentierte Stellungnahme ab, dass der Erhalt des Baumbestandes im besonderen öffentlichen Interesse ist.
  • das Magistratische Bezirksamt sieht ob des oben genannten Gutachtens sowie eines Gutachtens der MA37 und des Baumschutzreferates der MA42 eine Gefährdung durch die Bäume gegeben und genehmigt am 4.3.2020 eine Fällung gemäß §4 Abs.1 Z.3 des Wiener Baumschutzgesetzes. Als Ersatzpflanzungen werden ausschließlich langsamwüchsige, säulenförmige oder mittelkronige Baumarten vorgeschrieben (Gingkos und Zelkoven – der Bauwerber will eine baldige Wiederholung der Problematik vermeiden).
  • In der Woche vom 3.4.2020 - in der Zeit der Corona-Ausgangsbeschränkungen - entdecken wir zufällig, dass der gesamte Baumbestand bereits gefällt und abtransportiert ist und die Wurzelstöcke geschreddert.


Wir ziehen die Reissleine im Interesse des Bezirks – großkronige Bäume für die Zukunft 

Ende April stand der Neubau, der zum Abriss bestimmten Mauer als „§69-Genehmigung“ (Abweichung von den Bebauungsbestimmungen, weil für das Plangebiet festgelegt ist, dass Einfriedungen über 0,5 m den freien Durchblick nicht verhindern dürfen) auf der Tagesordnung des Bauausschusses. Wir konnten alle übrigen Fraktionen davon überzeugen, dass es nicht im Interesse des Bezirkes ist, diesem Ansinnen in dieser Form zuzustimmen. Denn es gilt nun eine sinnvolle Lösung für Nachpflanzung und Neuerrichtung der Mauer zu finden. Eine Ermöglichung eines gleichwertigen Baumbestandes in der Zukunft ist für die Öffentlichkeit sicherzustellen. 

Um eine sinnvolle gemeinsame Lösung für die Mauer und die Nachpflanzungen zu finden, werden jetzt alle Beteiligten auf unsere Initiative zu einem runden Tisch Ende Mai eingeladen. Dort können dann vernetzte Lösungen gefunden und die richtigen Fragen - wie z.B.ob die Neuerrichtung einer über 3 m hohen Einfriedungsmauer im Stadtbild des Alsergrunds 2020 noch zeitgemäß ist - gestellt werden.

 

Was wir jetzt noch erreichen wollen:

  • Ersatzpflanzungen, die möglichst zeitnahe wieder einen Schatten spendenden Baumbestand ermöglichen, der auch den Gehsteig Spitalgasse überschirmen kann.
  •  Eine Überprüfung und Erörterung, ob die Neuerrichtung einer über 3 m hohen Einfriedungsmauer im Stadtbild des Alsergrunds 2020 noch zeitgemäß ist.
  • Generelle Verbesserung der Fragestellungen in Bauverfahren, die Auswirkungen auf den Öffentlichen Raum haben.

Wie es weitergeht, könnt ihr demnächst hier weiterlesen.