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am 23. Oktober

Faszinierende Bio-Diversität mitten im Alsergrund: 49 Wildbienenarten entdeckt!

Christa Schmid - Naturschutz ist für uns Grüne ein wichtiger Arbeitsauftrag – auch in der dichten Stadt! Deshalb haben wir nicht locker gelassen und die Bezirksvorstehung Alsergrund mit etwas Nachdruck dazu gebracht, zu einem „Runden Tisch“ zum Schutz des Wildbienenvorkommens rund um den „Grätzelgarten09“ einzuladen.

Colletes cunicularius

Am Narrenturm: ein kaum sichtbares Naturschutzjuwel!

Es gibt ein ganz besonderes Kleinod mitten im Herzen des Alsergrunds, das in einer Studie der BOKU Wien* gut dokumentiert werden konnte. Rund um den Grätzelgarten09 wurde ein Vorkommen von 49 (!) verschiedenen Wildbienenarten bestätigt. Schon im Frühling hatte uns Isa Klebinger, eine der engagierten Grätzlgärtner*innen und Initiatorin des Projekts, aufmerksam gemacht und uns die unscheinbaren Niströhren dieser wenig auffälligen und immer seltener werdenden Wildbienen in einer Begehung gezeigt. In der BOKU-Studie wurde bestätigt, dass dieser Garten der artenreichste aller untersuchten Grätzelgärten in Wien ist – bei der in Summe 113 verschiedene Wildbienenarten in Wien wieder entdeckt wurden.

Besonders wichtig für die Ansiedelung dieser kleinen Stadtbewohner*innen ist das Vorhandensein offener Erdstellen wie sie vielfach am Aufgang von der Sensengasse zum Narrenturm zu finden sind. Gerade durch das benachbarte Stadtwäldchen, die Artenvielfalt im Grätzlgarten und ungedüngte Blumenwiesen in der Umgebung hat sich dieses unscheinbare Fleckchen Erde im 9. Bezirk zu einem wahren „Bio-Diversitäts-Hotspot“ entwickelt.

Der Anlass: Ein Wettbewerb zur Umgestaltung der Höfe im Alten AKH

Im Herbst 2019 wurde von der Uni Wien ein Gestaltungswettbewerb zur Umgestaltung der Höfe des Unicampus Altes AKH ausgeschrieben in dem u.a. auch eine repräsentativere Gestaltung des Aufganges von der Sensengasse angedacht war. Den Wettbewerb gewann das Landschaftsplanungsbüro Carla Lo – u.a. weil es eine besonders behutsame Umgestaltung der Höfe ohne allzu große Eingriffe vorsieht. Dann kam Corona – und bis heute haben die Detailplanungen noch nicht begonnen. Eine gute Chance also, hier noch auf die speziellen Anforderungen einzugehen und die besonderen Bedürfnisse des Wildbienenbestandes entsprechend zu berücksichtigen.

Ein wichtiger Schritt: Synergien finden und kooperieren

Die Bewahrung und Entwicklung dieses Naturschatzes war uns Motivation genug, den sehr allgemeinen Beschluss der Bezirksvertretung vom 25.9.2019 zum Schutz des Vorkommens nicht in der Schublade verstauben zu lassen, sondern im Umweltausschuss im Juni 2020 einen klaren Schritt zur konkreten Strategieentwicklung in Zusammenarbeit mit der MA22 und der Uni Wien zu setzen:

In einer Video-Konferenz am 21. Oktober 2020 wurde der Grundstein dazu gelegt: unser Ziel des Austauschs wesentlicher Akteur*innen (Grätzelgarten09, MA22, Umweltausschuss und vor allem der Uni Wien als Grundeigentümerin) darüber, wie im Zuge der geplanten Umgestaltungen der Artenreichtum der Wildbienen bestmöglich geschützt und weiterentwickelt werden kann, verlief aus meiner Sicht absolut wohltuend und konstruktiv.

Die Uni Wien (vertreten durch Katrin Müller vom Rektorat und Kerstin Messner vom Raum- und Ressourcenmanagement) erklärte ihre Bereitschaft, konkrete Vorschläge in die Planungen einfließen zu lassen. Das Wettbewerbsergebnis wird nun einer kleiner Arbeitsgruppe von Expert*innen (Isa Klebinger – Grätzelgarten09, Andrea Möller – Biozentrum Uni Wien, sowie Josef Mikocki – MA22) einsehbar gemacht und bis Jahresende werden von Ihnen die gewünschten Konkretisierungen erarbeitet.

Für den Bezirk haben die Beteiligten (Bezirksvorsteherin Saya Ahmad und der Vorsitzende des Umweltausschusses Oliver Zwickelsdorfer) meine Ansicht bestätigt, dass angesichts dieses Kleinods Naturschutzinteressen durchaus höher gewichtet werden als der Wunsch zu einem ansehnlicheren Aufgang von der Sensengasse. Eine Informationstafel zum Wildbienenvorkommen soll demnächst – finanziert aus Bezirksmitteln – folgen, um interessierte Passant*innen über die Vielfalt dieser „fleissigen“ Hautflügler fortzubilden.


Ein Beispiel zur Veranschaulichung: die Seidenbiene

Sie gräbt für ihre Nachkommen Gänge in Steilwände oder Mauerfugen und kleidet diese mit einem seidenartigen Gespinst aus, damit die Larven vor Kälte, Pilzen und Bakterien bestens geschützt heranwachsen können. In den Zellen werden Pollen vermischt mit Nektar als Vorrat angelegt, dann werden diese gut verschlossen und die Gänge wieder mit Erdmaterial aufgefüllt. Derart gut versorgt und geschützt wächst die nächste Generation heran: leider sind genau diese Voraussetzungen für Nester – steile Erdwände oder offene Mauerfugen – längst Mangelware in einer durchsanierten und verbauten Großstadt geworden.

Vielleicht gelingt uns ja hier am Alsergrund eine wunderbare Zusammenarbeit, die den Beweis liefert, dass auch mitten in einer Millionenstadt ursprüngliche Natur entwickelt und geschützt werden kann – unter Berücksichtigung der vielen unterschiedlichen Nutzungsinteressen auch des Alten AKH Campus und seiner Umgebung. Ich gratuliere allen Beteiligten zu Ihrem Einsatz und freue mich auf das Ergebnis… für die Bienen und die menschlichen Bewohner*innen des Alsergrunds!

* Quelle der BOKU Studie:

Lanner J, Kratschmer S, Petrovic B, Gaulhofer F, Meimberg H & Pachinger B – City dwelling wild bees: how communal gardens promote species richness. Urban Ecosystems23, p 271-288 (2020).

https://doi.org/10.1007/s11252-019-00902-5