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am 2. Jänner

Die schildbürgerliche AKH-Mauer: ein Trauerspiel in 4 Akten Oder: Warum kann der Denk­mal­schutz nicht auf geänderte Rahmenbedingungen eingehen?

Christa Schmid - Aufmerksame Passant:innen können jetzt zum Jahreswechsel vorübergehend sehen wie die Spitalgasse ohne Mauer vor den schönen Jugendstilkliniken am AKH Gelände aussehen würde. Die 3 m hohe alte Mauer ist abgerissen und der Blick wird frei auf die restaurierten Gebäude und die umgebenden Grünflächen.

Unsere bisherigen Bemühungen Bezirk, Stadt und Denkmalamt zu überzeugen, dass der Abbruch der alten Mauern, eine Chance fürs Stadtbild darstellen, sind an einem ultrakonservativen Verständnis von Denkmalschutz, einer desinteressierten Bezirksvorstehung und einer konflikt- und diskursscheuen Beamtenschaft gescheitert. Das ist sehr schade. Möge das hier geschilderte Beispiel wenigstens künftig ähnliche Dramen verhindern und die Sensibilität auf allen Seiten schärfen.

Kann es wirklich sein, dass wir im 21. Jahrhundert ein öffentliches Areal mit Verwaltungsgebäuden ohne besonderem Schutzbedürfnis hinter einer 3m hohen Betonmauer verbarrikadieren? Ist in Zeiten der Klimakrise der Schutz einer Mauer wirklich wichtiger als der von Bäumen? Ist eine abgerissene Mauer wirklich noch das ursprüngliche „Denkmal“ und muss daher 1:1 wiederaufgebaut werden? Kann es wirklich sein, dass so etwas ohne qualifizierten öffentlichen Diskurs passiert? Am Alsergrund leider ja.

Der Prolog

Die Einfriedungsmauer des AKH in der Spitalgasse war seit Jahren baufällig – die Gebäudeverwaltung hatte sich nach eigenen Angaben jahrelang um deren Sanierung bemüht. Tatsache war, dass die einst als Einfriedung und Sichtschutz gedachte 3 m hohe Mauer im Laufe der Jahre auch teilweise die Funktion einer Stützmauer für die interne Erschließungsstraße übernehmen musste (Anschüttungen innerhalb der Mauer) und diese Aufgabe nicht dauerhaft erfüllen konnte. So neigte sie sich langsam Richtung Gehsteig Spitalgasse. Dass diese drohende Gefahr für Vorbeigehende nicht länger toleriert werden konnte, ist klar. Laut einem Baumgutachten hatten die nahe der Mauer wachsenden Bäume die Gefahr zusätzlich verstärkt. Andererseits wären diese aber bei einem Abbruch der Mauer in ihrer Statik gefährdet gewesen, weil quasi zur „statischen Einheit“ verwachsen. Der Bebauungsplan im Bereich des AKH untersagt die Errichtung von blickdichten Mauern höher als 0,5m. Ein Sichtschutz ist heute für die Verwaltunsgebäude (keine Krankenzimer mehr) auch nicht mehr notwendig.

Weil aber der Denkmalschutz auf einen 1:1-Nachbau besteht, ist eine „Abweichung von den Bebauungsbestimmungen gem. §69 der Wiener Bauordnung“ vom Bezirk zu genehmigen oder eben nicht.

1. Akt – Kahlschlag an der Spitalgasse

Im ersten Lockdown (Anfang April 2020 – siehe auch https://www.alsergrund.gruene.at/themen/politik-am-alsergrund/wie-es-zum-kahlschlag-in-der-spitalgasse-kam) wurden hier am Areal des AKHs ohne die vorgesehene Vorab-Information der Bevölkerung in kürzester Zeit rund 20 mächtige Bäume gefällt: eine stadtbildprägende und kleinklimatisch hochwirksame Allee wurde geschreddert. Mit einem Schlag waren alle weg. Die Bürger:innen rund um das Gelände waren entsetzt.

Erst auf unser Nachfragen wurde erklärt, dass die Bäume umgeschnitten wurden, weil die denkmalgeschützte (!) Mauer durch die Wurzeln der Bäume gefährdet wären.

2. Akt – Ein runder Tisch ohne Ergebnisoffenheit

In der Folge kam es wiederum auf unser Betreiben hin zu einem runden Tisch mit den Beteiligten von AKH, Bezirksvorstehung und Bundesdenkmalamt – dieser wurde aber seitens der Bezirksvorstehung, Vertretern der AKH-Gebäudeverwaltung, des Denkmalamtes und der MA19 (Architektur und Stadtgestaltung) nur dahingehend genutzt, uns zu erklären, dass hier alles so ablaufen musste wie es lief, dass keine Fehler gemacht wurden und dass es keine Alternativen gäbe. Diskurs auf Augenhöhe gab es hier genauso wenig wie die Bereitschaft Alternativen zu finden – es ging darum, den Status quo zu rechtfertigen. Lediglich unsere Forderung, dass großkronige Bäume nachgepflanzt werden müssen, nicht nur Kleinbäume oder solche, die extrem langsam wachsen würden, fiel auf fruchtbaren Boden.

Unsere Bestrebungen die Mauer (deren Abriss unumstritten war) nicht wieder 1:1 (3m hoch und blickdicht) aufzubauen, um mehr Platz für Bäume und einen zeitgemäßen Stadtraum zu schaffen, scheiterten durch Beharren auf bereits gefällten Entscheidungen. Das Denkmalamt bestand auf der unveränderten Wiedererrichtung der Mauer – mit der Begründung, seinerzeit wäre die Mauer als Teil des Ensembles mit den Kliniken unter Schutz gestellt worden. Dass dieses Ensemble spätestens mit der Fällung der bestandsprägenden Bäume schon nachhaltig zerstört war, hatte hier kein Gewicht.

3. Akt – Überraschende Bewegung, aber die Richtung stimmt nicht

Eine Agenda21-Gruppe hatte die Hoffnung nicht aufgegeben und mit konstruktiven Vorschlägen versucht, eine alternative Gestaltung der neuen Mauer zu bewirken, und führte parallel Verhandlungen mit Bezirksvorstehung und dem Bundesdenkmalamt.

Nach unserer medialen Kritik wurde inzwischen die MA28 (Straßenbau) auf die „historische Chance“ des Mauerabrisses und -neuerrichtung aufmerksam – und siehe da, es begann sich hinter den Kulissen etwas zu bewegen – leider in die falsche Richtung: Die MA28 wollte die Gunst der Stunde nutzen, weil die Mauer bisher einer besseren Gestaltung des Kreuzungsplateaus (inkl. Bim-Stationen) im Wege stand. Eine Versetzung der Mauer nach innen aufs AKH-Areal eröffnete ihr nun neue Möglichkeiten.

Aus Sicht des Bundesdenkmalamtes und der MA19 darf die Mauer nun doch geringfügig verändert werden. Allerdings nicht dahingehend, wie die VertreterInnen der Lokalen Agenda vorgeschlagen hatten mit neuen Öffnungen, Durchgangsmöglichkeiten und teilweiser Transparenz. Lediglich ein Knick in der Mauer links vom Eingang Spitalgasse wurde eingeräumt, diese soll dann ca. 3 m weiter hinten – also mitten in der aktuellen Grünfläche - unverändert neu errichtet werden.

Laut Bezirksvorstehung gibt es noch keine konkreten Überlegungen oder Pläne der MA28 zur Kreuzung – das würde alles erst im Zuge des U-Bahnbaues stattfinden und bis dahin wäre noch viel Zeit. Es ginge lediglich um die Vergrößerung des „Möglichkeitsrahmens“, hier öffentliches Gut dazuzugewinnen. Die Ersatz-Bäume würden dann außerhalb der Mauer gepflanzt. Eine neuerliche §69-Bewilligung durch den Bauauschuss des Bezirkes war dafür nötig, weil vom bereits genehmigten Plan abgewichen wird und auch der neue Plan eine Abweichung des im AKH-Bebauungsplan vorgesehenen Verbots von blickdichten Einfriedungen höher als 0,5 m vorsieht.

4. Akt - Das blamable Ergebnis

Anfang September wurde also ein Planwechsel für einen Teil der Mauer vorgelegt - begründet wurde dieser mit "stadtplanerischer Notwendigkeit", die allerdings nicht weiter erläutert oder begründet wurde.

Alle Fraktionen – außer den Grünen stimmten letztlich dem Vorschlag zu (Neubau der Mauer in gleicher Höhe, 3 m nach hinten versetzt).

Aus unserer Sicht keine gute Lösung – die schönen, alten Bäume sind weg, die Mauer nun auch. Das Einzige, das vom ehemals denkmalgeschützten Ensemble noch steht, sind die Jugendstilkliniken. Es wäre der ideale Zeitpunkt, nochmals zu hinterfragen, was denn jetzt tatsächlich zu schützen ist, wenn das Ensemble nicht mehr besteht. Eine Chance einen ernsthaften Diskurs zu führen, was die Antwort des 21. Jahrhunderts für diese städtebaulich einmalige Situation wäre. Eine geringere Höhe der Mauerumfassung des Areals hätte ein wunderbares Potential für das Grätzl gehabt – oder auch eine Unterbrechung des Mauerzuges, dass der Blick auf die schönen Jugendstilgebäude frei wird. Mehr Durchwegungen wären möglich wie von der Agenda-Gruppe gewünscht. Diese Ideen wurden leider nicht weiterverfolgt und nun wird die alte Mauer neu gebaut und die neuen Ersatz-Baumpflanzungen haben noch weniger Platz als davor.

Ein 5. Akt – Nachdenkpause und fachlicher Diskurs bringen eine gute Lösung wäre jetzt wünschenswert und dringend nötig!


Wir fordern daher jetzt:

  •  Einen sofortigen Baustopp des unsinnigen Mauerbaus >> es MUSS dringend darüber einen fachlichen Diskurs geben.
  • Wenn jetzt - entgegen der Aussagen am Runden Tisch seitens MA19 & Bundesdenkmalamt die Mauer doch veränderbar ist, hätte man doch gleich eine bessere Lösung finden können. Diese ist unbedingt VOR Weiterbau zu finden.
  •  Eine Versetzung der Mauer bewirkt eine Trennung des Grünstreifens durch die Mauer - die Bäume haben dann am neuen Standort schlechtere Wuchsbedingungen (3m breiter Grünstreifen statt eines ursprünglich rund 5 m breiten) >> dann müssten im straßenseitigen Grünstreifen zumindest die bestmöglichem Wuchsbedingungen hergestellt werden (nach dem Schwammstadtprinzip)
  • Wenn es Überlegungen für eine Verbesserung des Kreuzungsplateaus gibt, muss diese zuerst in der Verkehrs- und Bezirksentwicklungskommission entschieden werden - und dafür müssen die Pläne und Überlegungen am Tisch liegen, damit nachvollziehbar ist, dass dies für den Bezirk eine wirklich bessere Lösung darstellt.