Bezirke
Navigation:
am 23. November 2020

Das frisch angelobte Führungsteam der Grünen Alsergrund

Webredaktion Grüne Alsergrund - Damit ihr unsere neue stv. Bezirksvorsteherin Josefa Molitor-Ruckenbauer und unseren Klubobmann Raimund Wöß kennen lernt, haben wir nachgefragt. Sie erzählen über ihre Motivation und Vision in der Politik und im Bezirk und ihre nächsten Ziele.

Was ist Eure Motivation in die Politik zu gehen?

JMR: Nach vielen Jahren in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit habe ich die Auswirkungen der Klimakrise auf das Lebensumfeld von vielen Menschen schon früh kennen gelernt. Die globale Krise lässt sich nur durch gemeinsame Anstrengungen auf allen Ebenen lösen. ‚Global denken und lokal handeln‘ ist daher zu meinem persönlichen Leitspruch geworden. Zudem liegen mir als Mutter von drei Kindern, die selbst bei den globalen Klimademos aktiv sind, konsequente Maßnahmen gegen die Klimakrise besonders am Herzen. Ich will, dass auch meine Kinder und deren Kinder einen guten Platz zum Leben haben.

RW: Ich habe 15 Jahre in Wien im Sozialbereich (privater Verein in der Suchthilfe) gearbeitet. Also Engagement für meine Mitmenschen und gerade auch für Gruppen, die öffentlich nicht so hohes Ansehen genießen, hat schon bisher mein Arbeiten geprägt. 2017 kam für mich einiges zusammen – Unzufriedenheit mit Entwicklungen im Wiener Sozialbereich (Zahlendruck und Bürokratisierung) traf zusammen mit Unzufriedenheit mit politischen Entwicklungen in diesem Land: Während Türkis & Blau damals wieder beliebter wurden, standen die Grünen in der öffentlichen Diskussion in einem ganz schlechten Licht da, was meines Erachtens nicht zu dem passte, wofür sie sich eigentlich engagieren, was für mich als Gesundheitspsychologe durchwegs positive Ziele für die Menschen sind.


Warum gerade Bezirkspolitik?

JMR: Nirgendwo sonst in der Politik können wir so direkt mit Bürger*innen in Verbindung sein – immerhin verändert Bezirkspolitik das unmittelbare Zuhause. Der Baum schützt mich im Sommer vor der Hitze. Auf der Sonnenbank kann ich meine Mittagspause auch im Winter verbringen. Sichere Schulwege entlasten tagtäglich Kinder und ihre Eltern. Da gibt es viel zu tun – und zwar mehr als Gespräche und Aufklärung.

RW: Um ehrlich zu sein, war mein Zugang vor allem, die Grüne Bewegung zu stärken, zu schauen, wo ich mich einbringen kann. Neben der Bezirksorganisation habe ich das in den vergangenen Jahren als schwuler Mann auch bei den Grünen Andersrum gemacht, habe von Beginn an keine Landesversammlung versäumt und mehrere Wahlkämpfe unterstützt.

Nach und nach wurde mir klarer, was Bezirkspolitik bedeutet, wo die Chancen darin liegen. Diese sind gerade im Bereich der direkten „Umweltgestaltung“ sehr hoch. Das Stadtbild wird auch in jedem Bezirk konkret verhandelt und ausformuliert. Parkplatz oder Aufenthaltsort? Sitzgelegenheit oder schnelle Durchfahrt? Welche Prioritäten hat mensch im Bezirk? Wem dient der öffentliche Raum? Den Kindern, den Jugendlichen, den alten Menschen, den Familien? Platz für Treffen mit Freund*innen oder einfach Verkehrsfläche, um von A nach B zu kommen? Geht’s immer um „schnell-schnell“ in der Großstadt, oder darf Leben in der Großstadt auch eine gewisse Lebensqualität und Ruheorte haben?


Was sind Eure Ziele für den Alsergrund?

JMR: Bezirkspolitik bedeutet für uns Grüne Alsergrund das erweiterte Wohnzimmer der Bevölkerung mitzugestalten. Jeder Baum und jede Bank, jeder Schanigarten und jeder sichere Schulweg beeinflussen die Lebensqualität der Menschen direkt vor Ort. Hier wird die Wohnung durch den Blätterschatten gekühlt, dort kann ich mich selbst im Winter in der Sonne erholen. Kinder sollen alleine zur Schule oder in den Park gehen können. Die Alsergrunder Straßen sind keine Abstellflächen, sondern sollen zum Leben da sein. Hier braucht es wieder mehr Gerechtigkeit. Wichtig ist mir vor allem, dass soziale Fragen und Klima-Fragen nicht mehr gegeneinander ausgespielt werden. Denn jede Bank und jeder Baum machen einen entscheidenden Unterschied für die Lebensqualität vor Ort. Es braucht konsequente Lösungen in der Umverteilung des öffentlichen Raumes und eine klare Vision für einen lebenswerten und zukunftsfitten Alsergrund für alle.

RW: Die Corona-Krise stellt gerade Vieles in Frage, was wir lieb gewonnen haben. Das kleine Gewerbe, die Unternehmer*innen und Kulturschaffenden leiden – dürfen teilweise ihrer Arbeit nicht nachgehen. Das ist ein Riesenproblem für die Betroffenen, aber auch für uns Bezirksbürger*innen, denn hier könnte etwas verloren gehen, das europäische Innenstädte und gerade auch Wien ausmacht: Stadtkultur im doppelten Wortsinn. Stadt ist nicht nur Arbeits- oder Schlafstätte, sondern Lebensraum – nicht nur draußen in den Parks und auf der Straße, sondern auch drinnen in den Lokalen, Geschäften, Restaurants und Kulturbetrieben, die ein vielfältiges Angebot, von traditionell über multikulturell bis hip und international schaffen. Da gilt es, jetzt gut aufzupassen und alles in unserer Macht stehende zu tun, die Gewerbe- und Kulturtreibenden in unserer Nachbarschaft zu unterstützen und vielleicht auch erst zu entdecken. Ich habe lang in Favoriten gearbeitet – ich gebe zu, dadurch auch noch nicht alle Ecken des Bezirks gut zu kennen, es gibt soviel zu entdecken vor unseren Haustüren. Gemma’s an, sobald wir wieder dürfen!


Was macht den Alsergrund bzw. Wien für Euch so lebenswert?

JMR: Ich lebe und arbeite seit vielen Jahren im 9. und stelle fest, dass ich den Bezirk fast nicht mehr verlasse, denn es gibt hier einfach alles, was es braucht für ein gutes Leben. Ich kann einkaufen, Theater und Kulturevents besuchen, Konzerte, Sport machen, Freund*innen treffen und das am besten zu Fuß. Es gibt aber auch große Herausforderungen wie den Durchzugsverkehr, der uns Alsergrunder*innen das Leben schwer macht. Wir haben auch zu wenig Platz für Bäume und Menschen in unseren Straßen und Gassen. Da ist viel zu tun, um diese Lebensqualität auch für die Zukunft zu sichern.

RW: An Wien mag ich die Vielfalt und die Urbanität – etwa „das Gewurle“ auf der Mariahilfer Straße. Und doch ist unsere Stadt im Unterschied zu Berlin noch klein genug, dass mensch auch schnell mal raus kommt ins Grüne. Wien hat so viele tolle Ecken und auch Naturflächen im Stadtgebiet und drumherum zu bieten, die ich auch erst langsam nach und nach über die Jahre für mich entdeckt habe als gebürtiger Linzer.

Am Alsergrund haben wir ein verdichtetes Stadtleben, das aber eben auch diese Ruheorte bietet und damit ein ordentliches Stück Lebensqualität für viele. Wir sind ein eher privilegierter Bezirk, was nicht heißt, dass nicht auch viele ärmere Menschen unter uns sind, für die der öffentliche Raum eine besonders wichtige Rolle spielt. Ich mag das Verdichtete, aber ich mag auch die schönen alten Häuserfronten, die breiten Straßen, und wo sie von ein paar großen Bäumen gesäumt sind, mag ich es gleich noch viel mehr.


Was werdet ihr als frischgebackenes Führungsteam als Erstes angehen?

JMR: Wir werden vor allem unsere Kontrollfunktion als zweitstärkste Kraft im Bezirk weiter ausbauen. D.h. bei allen Projekten des Bezirks darauf schauen, dass es nachhaltige Lösungen mit einer klimafreundlichen Wirksamkeit sind und bei diesen Lösungen auch gut die Menschen in den Grätzln mitzunehmen. So wollen wir auch den erfolgreichen Weg von Momo Kreutz im direkten Kontakt mit der Bezirksbevölkerung weiter fortsetzen und ausbauen.

Ansonsten gilt es natürlich gut darauf zu achten, dass die rote Bezirksvorstehung ihre klimafreundlichen Wahlkampfslogans auch ernst nimmt und sowohl im Bereich der Fußgänger*innen- und Radfahrfreundlichkeit des Bezirks neue Wege schafft und wir beim Thema Baumpflanzungen achtsamer werden, damit wirklich überlebensfähige Bäume gepflanzt werden, die groß und stark werden können wie Bäume früherer Generationen.

RW: Ich denke, es geht jetzt erst mal darum, dass die Menschen uns besser kennen lernen und Vertrauen zu uns aufbauen können – ein Wechsel in der Bezirkspolitik nach so langer Zeit, da gilt es auch viele Kontakte zu pflegen und weiter auszubauen. Neue Menschen anzusprechen, das ist aktuell durch Corona besonders schwierig, aber wir sind da und ansprechbar – wenn im Moment auch mehr über diverse Medien oder das Telefon als direkt auf der Straße. Aber wir hoffen, dass sich das spätestens im Frühjahr wieder anders darstellt. Wir wollen schauen, dass die Grünen im Bezirk weiter wachsen, dass heißt, Menschen, die Interesse haben, sollen uns kontaktieren. Unser neues Mentor*innen-Team freut sich schon über viele neue Gesichter im Bezirk, die auch mitmachen und ihre Wohnumgebung noch lebenswerter gestalten wollen.


Und habt ihr auch ein motivierendes Statement, zum Schluss?

RW und JMR: Zu Beginn der Corona-Krise hat das Zurückschrauben der Gesellschaft der Umwelt eine Verschnaufpause verschafft, inzwischen sehnen wir Menschen uns wieder nach Verschnaufpausen ohne Be- und Einschränkungen, aber die Botschaft des Zusammenhaltens und Miteinander-Achtsam-Umgehens wird auch über die gesundheitliche Bedrohung hinaus für die wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen der nächsten Jahre nützlich sein.